Digital Enthusiast mit CO2-neutraler Firma

Apps können viel. Sie erledigen unsere Arbeit. Sie unterhalten, verbinden uns und helfen sogar, Leben zu retten. Wie steht‘s dabei mit der digitalen Nachhaltigkeit? Zur Technologie als Impulsgeberin haben wir mit Dr. Jens Wehrmann, CEO Mobile Software AG, gesprochen. 


Du hast ein Buch über mobile Dienste geschrieben und Trends vorhergesagt. Bei Google Play, im Apple und Amazon App Store gab es 2019 ca. 5 Mio. Apps. Was könnte sich künftig im Markt für Apps tun?

Als ich 2010 die Mobile Software AG gegründet habe, war das Wort „App“ noch ganz neu. Meine Prognose damals wäre gewesen, dass das Wort nur eine Mode ist und irgendwann wieder verschwindet. Deswegen taucht es auch im Firmennamen nicht auf. So viel zum Thema Verlässlichkeit meiner Prognosen (lacht).

Wenn ich 10 Jahre in die Zukunft schaue, gehe ich davon aus, dass Apps in Form von kleinen modularen Helfern in unserem täglichen Leben allgegenwärtig sein werden. Ich würde sagen, dass die „Apps“ – wie auch immer sie dann heißen werden – mehr im Hintergrund für uns arbeiten. Sie werden sowohl intelligenter als auch autonomer geworden sein. 

Aber auch die einfachen Apps, die mit uns Anwendern interagieren, wird es noch geben. Mit Blick auf die Entwicklung z.B. bei Sprachassistenten, Wearable Devices oder Augmented Reality würde ich mich allerdings wundern, wenn wir noch so viel in unseren Smartphone Bildschirm schauen werden wie heute.


Eure Produkte werden vielfach ausgezeichnet z. B. als Apple App des Jahres. Mit Apps können wir auch ein Plus an Nachhaltigkeit erreichen. Welche Apps zählen für dich dazu? 

Ähnlich wie das Wort Impact ist Nachhaltigkeit für mich ein Überbegriff, der viele Ausprägungen haben kann. Was meine ich damit?

Eine faszinierende Dimension ist, wenn wir vorhandene Informationen nutzen, um damit für Menschen aktiv und schützend einzugreifen. Ich denke z.B. an die Gefahrenwarnung auf Baustellen. Ein anderer Bereich ist, wenn wir mit unserer Expertise Prozesse verbessern können, etwa um in der Logistik Routen oder Wege zu optimieren. Auch den Kunden-Service zu verbessern gehört dazu. Das trifft zu, wenn Augmented Reality die Anreise von Service-Personal unnötig macht.

Ich glaube, dass eine hohe Zufriedenheit bei der Nutzung, die Verbesserung der Workflows und positiver Impact in Sachen Umwelt eng verwoben sind und Hand in Hand gehen sollten. 


Wie kam es, dass die Mobile Software AG selbst CO2 -neutral werden wollte?

Ich muss zugeben, dass ich ein Faible für schnelle Autos habe und wegen der Wahnsinns- Beschleunigung lange von einem Elektroauto geträumt habe. Es war für mich aber selbstverständlich, dass ich das nur machen will, wenn ich den Strom dafür auch selbst erzeuge. Deswegen habe ich mich in das Thema Solar eingearbeitet. Das beflügelnde Gefühl der elektrischen Autarkie war der Impuls, weswegen ich mich „getraut“ habe, diese private Leidenschaft auch in der Firma anzusprechen. Was soll ich sagen? Ich habe weit offene Türen eingerannt und ganz viel aktive Mitstreiter*innen gefunden, die das Thema genauso begeistert wie mich. 

Wir können als kleine Firma CO2-technisch zwar nicht die Welt retten, aber es ist wichtig, dass wir in unserem Wirkkreis gestalten und Verantwortung übernehmen.1 Ich halte es da mit dem Zitat von Ben Horowitz „What you do is what you are“. 2

Schön, dass ich mit Gleichgesinnten arbeiten und in Projekten etwas bewegen darf. 

Schön mit dir heute darüber zu sprechen, Susanne.


Wurdet ihr schon mal angefragt, ob ihr ein mobile project mit kleinem ökologischen Fußabdruck umsetzen könnt? Wo könnte man da ansetzen?

Auch wenn die Antwort nein ist, freue ich mich über deine Frage. Immerhin habe ich schon erlebt, dass wir durch unsere eigene Einstellung zum Thema ökologischer Fußabdruck Vorteile hatten. 

Ich könnte mir vorstellen, dass sich Kund*innen derzeit noch davor scheuen, sich der Komplexität des projektspezifischen ökologischen Fußabdrucks zu stellen. Daher ist das wohl in der Regel noch kein Entscheidungskriterium. Das ist aber definitv ein guter Impuls um sich vom Wettbewerb abzusetzen (lacht).

Für die Umsetzung bräuchte man voraussichtlich einen Standard, wie man die Messung objektiviert. Im Backend dürfte das leichter sein, als im Frontend. Inhaltlich dürfte die teilweise unbedachte und verschwenderische Datenspeicherung ein guter Ansatzpunkt sein. Weiterhin würde ich vermuten, dass dezentrale Systeme in vielen Dimensionen Vorteile bieten können.


Du bist als Botschafter des Unternehmerkreises MUK-IT aktiv. Dort sind Inhaber, Vorstände und Geschäftsführer von IT-Unternehmen versammelt. Wo steht der Kreis mit seinem Schwerpunkt-Thema Smart Energy?

Der Unternehmerkreis ist geprägt von etablierten Umsetzern. Das gilt auch für den Bereich Smart Energy. Der Themenbereich ist recht groß. Deswegen gebe ich vielleicht mal ein gut vorstellbares Beispiel: Beleuchtung.

Hier reichen die Themenschwerpunkte vom Umstieg auf zeitgemäße und umweltschonende LED-Beleuchtung für Büro und Industrie bis zu self-powered IoT-Anwendungen. Dazu  werden Gebäude mit Sensortechnik ausgestattet oder umgerüstet. Die Sensortechnik ist „schlau“ und erkennt, ob überhaupt Mitarbeitende im Raum sind und ob bei der aktuellen Tageslicht-Situation noch zusätzliche Lichtquellen benötigt werden.


„Ideen provozieren“. Das ist Teil eurer Marke. Wie provozierst du am liebsten?

Wenn man sich gut versteht und sich gegenseitig respektiert, ist es in meinen Augen eine hohe Form der Anerkennung, sich gegenseitig zu kritisieren bzw. unterschiedlicher Meinung sein zu dürfen. Ich nenne das Tacheles reden. Oft entsteht durch diese Form der kritischen und offenen Diskussion ein neues Momentum – neue Ideen.

Der initiale Impuls nach dem du fragst, hängt von deinem Gesprächspartner und der Situation ab. Manchmal ist es tatsächlich der harte inhaltliche Widerspruch. Es gibt aber auch Menschen, bei denen schon ein Lächeln oder Schweigen ausreicht, um eine Diskussion zu starten.

Viel wichtiger als das Momentum des provokativen Impulses ist aber die nachfolgende Diskussion. Wenn unterschiedliche Sichtweisen und Disziplinen auf Augenhöhe zusammenkommen, entstehen bessere Lösungen, als wenn ohne technische Expertise Technologie-Produkte definiert werden. In meinen Augen folgt die Technologie längst nicht nur der Strategie, sondern sie ist gleichermaßen zum Impulsgeber geworden.


Weiterführende Infos für Dich:
1 Mobile-Software setzt Klimaschutz um
2 Ben Horowitz
Christoph Reithmair über Nachhaltigkeit in der Software

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